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Kreuzfahrt durch Pommern

20.12.2020 bis 27.12.2020

Kontrastreiche Kreuzfahrt von Stralsund nach Stralsund mit MS JUNKER JÖRG

Kreuzfahrt durch Pommern
Kontrastreiche Kreuzfahrt von Stralsund nach Stralsund mit MS JUNKER JÖRG
Dr. Peer Schmidt-Walther

Schauplatz Hansekai. Ein makelloser Spätsommerhimmel signalisiert schönstes Reisewetter. Nach einem Rundgang durch die Stralsunder Altstadt samt Ozeaneums- und GORCH FOCK (I)-Besuch trifft sich die Gästeschar aus Deutschland, der Schweiz und Österreich auf dem langgestreckten Oberdeck zum abendlichen Auslaufmanöver.

Das Schiff ist ausgebucht, nicht zuletzt wegen der einmaligen Route. Kreuzfahrten sind in, vor allem auch seekrankheitsfreie auf einem Flusskreuzfahrtschiff. Rund 500.000 Menschen entscheiden sich jährlich für die familiäre Binnenvariante ohne Massenbetrieb – mit zunehmender Tendenz. Der Ostseehafen Stralsund profitierte besonders davon: über 150 Flusskreuzer-Anläufe pro Jahr konnte er zeitweilig verbuchen – das ist fast doppelt so viel wie Rostock-Warnemünde Hochseekreuzfahrtschiffe ansteuern – und ist seitdem auf diesem Gebiet Spitzenreiter in Mecklenburg-Vorpommern.

Von der Blütezeit der Hanse bis heute
Stralsund, im Schutze Rügens, Deutschlands größter Insel gelegen, gilt als besonders reizvolle Hansestadt. Vor allem die Lage ist es, die viele Schriftsteller inspirierte, so zum Beispiel auch Ricarda Huch:

„Meerstadt ist Stralsund,
vom Meer erzeugt, dem Meere ähnlich.
Auf das Meer ist sie bezogen, in ihrer
Erscheinung und ihrer Geschichte.“

Aus einem slawischen Fährdorf hervorgegangen, so hat es der in historische Tracht gewandete Stadtführer seinen Zuhörern berichtet, hielt Stralsund 1234 lübisches Stadtrecht, ist also heute 783 Jahre alt.

Die Meeresorientierung der Hansestadt resultiert nicht nur aus ihrer hervorragenden Lage am Strelasund; während der Blütezeit der Hanse stieg sie zur klassischen Zwischenhandelsstadt auf, wurde doch der Handel von und nach Russland, Skandinavien und Westeuropa überwiegend auf dem Seeweg abgewickelt. Bis zu 300 Schiffe führten damals die sundische Flagge.

Glanz und Reichtum von damals manifestieren sich noch bis heute im historischen Stadtkern sowie in den mittelalterlichen profanen und sakralen Bauten. Unzweifelhaft hat zu diesem einstigen blühenden Glanz das Schutz- und Trutzbündnis Hanse beigetragen. An dessen Zusammenhalt hatten überwiegend Kaufleute Interesse. Dass dabei auch der Glaube eine Rolle spielte, zeigt ein Schnitzwerk in St. Nikolai: das Nowgorodfahrer-Gestühl, Spende der Hanse. Die Reisen ins russische Nowgorod sollten immer unter einem guten Stern stehen. Nicht nur das, ist doch zusätzlich noch diese älteste Pfarrkirche der Stadt dem Schutzpatron der Seefahrer geweiht. Der heilige Nikolaus sollte auch seine schützende Hand über den Rat halten, der in der Kirche wichtige Sitzungen abhielt und Gesandte empfing.

Wie die mittelalterliche Wirtschaft konzipiert war – von Anfang an zum Wasser orientiert -, ließ sich auch aus der Stadtanlage ablesen: Die dekorativsten Tore standen an der Wasserseite in Hafennähe, an der auch die größten Straßen endeten.

UNESCO-Schokoladenseiten
Als die Hanse im 14. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, existierten allein 13 Schiffbauplätze in Stralsund, denn der Hafen war günstig von zwei Seiten aus anlaufbar. So kam viel Geld in die Stadtkasse: durch Tuche, Vieh, Erze, Getreide, Pelze, Bier und Fisch. Das Haus der Schiffer – Compagnie in der Frankenstraße weist noch heute darauf hin, dass sich die Fahrensleute zusammenschlossen, um ihre Rechte zu verteidigen.
Aber auch die Kultur galt es zu schützen, zum Beispiel durch die 1256 erstmals erwähnte mittelalterliche Stadtbefestigung. Am Knieper-, Fähr- und Frankenwall kann man noch Reste davon anschauen, aber auch rekonstruierte Mauer-Partien; dafür ist der Fährwall mit Mauer- Zinnen und Schießscharten eine beredtes Zeugnis.

Die Meer- und Hafenstadt Stralsund mausert sich wieder zum maritimen Mittelpunkt des Nordostens.
Mit Blick auf Stralsunds „Schokoladenseite“ zeigen sich die meisten Gäste beeindruckt von den Aufbauleistungen. „Wissen Sie, was wir früher gesagt haben? Ruinen schaffen ohne Waffen“, weiß ein Magdeburger über das Desinteresse der DDR-Regierung, die alle Baukapazitäten auf Berlin konzentrierte, an der Erhaltung von historischen Gebäuden. Stralsund hat über 800 davon. Die meisten erstrahlen bereits in neuem Glanz. Inzwischen ist das Flächendenkmal als Welterbe unter den Schutz der UNESCO gestellt zu worden.

Besondere Fluss-See-Erfahrung
„Erstaunlich“, meint ein Relings-Nachbar mit Revierkenntnis, „was man hier in kurzer Zeit alles zu sehen bekommt, sogar richtige Seefahrt mit Wellengang über Sund und Bodden!“ Wobei man nicht nur schöne Landschaften sieht, sondern auch den beiden Schiffsführern bei der Arbeit über die Schulter schauen kann. Ihr Arbeitsplatz Steuerhaus ist von allen Seiten einsehbar.
„Klar vorn und achtern!“ Kapitän Joachim Schramm lässt nach der obligatorischen Seenotrettungs-Übung die Leinen einholen. Der versierte Binnenschiffer aus dem Elbe- Städtchen Tangermünde manövriert die 95 Meter lange JUNKER JÖRG, benannt nach Martin Luthers Pseudonym auf der Wartburg, aus dem Passagierhafen. Das sieht eher spielerisch aus, setzt aber eine Menge Erfahrung voraus. „Bei entsprechendem Wind und unserem geringen Tiefgang haben die 1050 PS im ́Keller` es auch nicht ganz einfach“, weiß er aus langjähriger Bord-Praxis.
Sein Kollege überwacht das Ablegen. Zusammen bringen es die Schiffer auf über achtzig Jahre Berufserfahrung, so dass sich der Gast bei ihnen wie in Abrahams Schoß fühlen kann.

Auf zur Hanse-Schwester!
Nach der Passage der Rügendammbrücke geht es in geruhsamer Fahrt durch die Wasser- Landschaften von Strelasund und Greifswalder Bodden.
„Gletscher und Schmelzwasser brachten vor rund 10.000 Jahren die See zum Überlaufen, so dass sie in die Grundmoränenlandschaft schwappten“, schildert Kreuzfahrtdirektor Christian anschaulich die flachen Wassermulden der Küstenlandschaft.
Ein dreistündiger Wassersprung über den sonnenbestrahlten Bodden mit Abendessen vor Sonnenuntergang.
In der Hafeneinfahrt von Wieck wird um 21 Uhr festgemacht. Die einladenden Kneipen des herausgeputzten Dörfchens Wieck locken danach zum Absacker.
Die altehrwürdige Hansestadt Greifswald am Flüsschen Ryck, Hanse-Schwester von Stralsund, steht am nächsten Vormittag auf dem Programm der Stadtführung. Gründungsväter waren Mönche des Zisterzienser-Klosters in Eldena, dessen Ruine Caspar David Friedrich, Sohn der Stadt, in einem berühmten Gemälde verewigte. Wohlstand brachte der Stadt, so hört man, sein ausgedehnter Seehandel. Daher auch die prächtigen Bürgerhäuser, das Rathaus und seine drei großen Kirchen St. Marien, Nikolai und Jakobi.
Wer individuell über die Holzkonstruktion einer holländischen Zugbrücke auf die andere Flussseite läuft, stößt schnell auf den Eingang zum städtischen Freibad. Hinter dem Deich ein weißer Strand, dessen Flachwasser zum Bad einlädt. Kutterfrischer Bodden- und Ostseefisch steht hier selbstverständlich auf allen Speisekarten.
High noon: zwölf Uhr mittags und Leinen los zur dreistündigen Fahrt nach Lauterbach. Die See ist spiegelglatt und gesprenkelt mit Dutzenden von Sonntagsseglern. Die Gäste strecken sich genüsslich in den Liegestühlen aus zum Mittagsschläfchen mit Bräunungseffekt.

Fürstliches Seebad mit Geschichte
Voraus taucht an Steuerbord die naturgeschützte Insel Vilm auf. In ihren Reetdachhäusern urlaubten einst die Spitzenkader der Ex-DDR-Staatspartei, unter anderen auch Erich Honecker. Vom Hafen Lauterbach, den der JUNKER ansteuert, besteht eine Fährverbindung (nur nach Voranmeldung) auf das Eiland. „Früher waren ́s die Bonzen, die das kleine Paradies ungewollt bewahrten, heute macht ́s der Naturschutzbund“, vergleicht Kreuzfahrtdirektor Christian, „mit dem Unterschied, dass jetzt Führungen erlaubt sind.“ Wie zur Bestätigung und Begrüßung pfeift der „Rasende Roland“ über den südrügenschen Hafen. Der dampfende Schmalspurzug hält mit quietschenden Bremsen gegenüber des JUNKERS Liegeplatz im ältesten Seebad Rügens, das Fürst Malte zu Putbus 1816 aus der Taufe hob. Im nahen Badehaus Goor vergnügte sich einst die adlige Elite. Nur drei Kilometer weiter davon das Dörfchen Vilmnitz, 1967 Hauptdrehort der deutsch-deutschen Filmkomödie „Die Heiden von Kummerow“.

Mit dem „Rasenden Roland“ über die Insel
Schon der Dichter Ernst Moritz Arndt schwärmte von seiner Heimat: „Oh, Rügen! Liebliche Insel, wohin ewig die Liebe sich sehnt…!“ Hinter Sassnitz recken sich die weißen Kalkklippen der Stubbenkammer, von sattgrünem Buchenwald umkränzt, in den blauen Himmel. Die Krönung ist der 118 Meter hohe Königsstuhl. Der gehört zum Nationalpark Jasmund, mit 3003 Hektar kleinster Deutschlands. Busausflügler werden am Abend von der Aussicht schwärmen, die schon der Romantiker Caspar David Friedrich gemalt hat; aber auch von der fürstlichen Residenz zu Putbus mit seiner zirkusförmigen Ortsanlage oder den seit eh und je beliebten Seebädern Binz und Sellin mit ihrer berühmten „Bäder-Architektur“. Andere lockt der „Rasende Roland“, dessen Dampf- und Rauchschwaden sie vom offenen Aussichtswaggon begierig einsaugen wollen. Vom Hafen Lauterbach geht ́s im 30-km/h- Zuckeltempo, immer wieder untermalt von markanten Lok-Pfiffen, über die Insel bis nach Göhren und zurück.

Raketen-Weltgeschichte in Peenemünde
Kapitän Schramm informiert die Gästeschar, dass schon am Abend nach der Rückkehr der Ausflügler ausgelaufen wird: „Der Wind frischt am nächsten Morgen auf, so dass wir besser heute in Peenemünde übernachten. Nach drei Stunden taucht voraus an Backbord ein ehemaliger Wachtturm auf, schließlich eine dunkelgraue Röhre mit schlankem Turm. Von der russischen Marine ausgemustert, fristet das mit 4000 Tonnen einst größte dieselgetriebene U- Boot der Welt jetzt sein Dasein als Besuchermagnet im Peenemünder Hafen. Ansonsten heißt es hier: Wernher von Braun lässt grüßen. Das Dorf im Norden der Insel machte Weltgeschichte, als 1942 in der Heeres-Versuchsanstalt die ersten V1- und V2-Raketen abgefeuert wurden. Grundlage für die spätere bemannte Raumfahrt von USA und UdSSR.

In der Nachkriegszeit mutierte das Zentrum der deutschen Raketenforschung zur Flottenbasis der ehemaligen DDR-Volksmarine. Seit der Wende hingegen präsentieren sich die maroden Gebäude als viel besuchtes Museum mit Raketen- und Flugzeugexponaten sowie die NVA- Raketen-Korvette HANS BEIMLER.

Strände mit Südseequalität
Weiter geht es über die 66 Kilometer lange Insel Usedom, nach Rügen Deutschlands zweitgrößte Insel und einziger Insel-Naturpark, zu ihren mittlerweile schon wieder mondänen Bädern an der Seeseite. Heringsdorf, Bansin, Ahlbeck und Zinnowitz – vor dem letzten Krieg auch die „Badewanne Berlins“ genannt, stehen natürlich auf dem Besuchsprogramm der Busausflügler obenan. „Bei gutem Wetter und der entsprechenden Sondergenehmigung könnte man vielleicht auch die Seebrücken ansteuern“, sieht ein Gast hoffnungsvoll mögliche neue See- und Seh-Ziele an der Zukunfts-Kimm.
Bereits im 19. Jahrhundert war Usedom wegen seiner 42 Kilometer langen und bis zu 700 Meter breiten feinsandigen Strände mit „Südseequalität“, Wälder, kleinen Seen und stiller Haff-Landschaft ein beliebtes Sommerziel, nicht nur der „besseren Gesellschaft“: wohlhabendes Bürgertum und Adel, die hier das Leben genossen. Auch den Sonnenschein, der heute noch mit 1900 Jahresstunden deutscher Spitzenreiter ist.
Heute ist es nicht wesentlich anders, wenn man an den wie an einer Perlenkette aufgereihten Villen in typischer „Bäderarchitektur“ vorbei promeniert. In einer davon, der Villa Staudt, traf Kaiser Wilhelm II. einst die Frau Konsulin, seine Geliebte, zum Tee, so wird augenzwinkernd geschmunzelt. Auch Österreichs Kaiser Franz Joseph zog es hierher. Damit war der Name „Kaiserbäder“ geprägt.
Die an Bord gebliebenen Passagiere lassen sich derweil dem Hafen des ehemaligen Residenzstädtchens der Herzöge von Pommern-Wolgast entgegenfahren. Wobei das „Blaue Wunder“ passiert wird, die Brücke nach Usedom.

Am „Amazonas des Nordens“ vorbei
Wolgasts Stadtsilhouette wird überragt von den blauen Hallen der Peene-Werft, die zum Bremer Lürssen-Konzern gehört und jetzt in erster Linie Marineschiffe baut und überholt. Patrouillenboote für Arabien, ein inzwischen stornierter Milliarden-Auftrag, und überholungsbedürftige Korvetten der Deutschen Marine liegen hier einträchtig beieinander. Der Peenestrom, ein Oder-Arm, und das Achterwasser verbinden Greifswalder Bodden und Stettiner Haff. Vor der Zecheriner Brücke mündet an Steuerbord die Peene, der mit 150 Kilometern längste Fluss Mecklenburg-Vorpommerns. Wegen seiner Ursprünglichkeit auch „Amazonas des Nordens“ genannt.
JUNKER JÖRG gleitet seitlich am hochauf ragenden, rostverkrusteten Stahlskelett der zerstörten Karniner Eisenbahnbrücke vorbei. Sie verband von 1870 fast bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Berlin in zwei Stunden mit Swinemünde und den „Kaiserbädern“, auch „Badewanne Berlins“ genannt. Pläne für einen Wiederaufbau werden schon eifrig geschmiedet.
Irgendwann weitet sich – Abschied von der Ostsee – der Blick aufs Oderhaff mit seinen charakteristischen Gittermast-Leuchttürmen noch aus der Kaiserzeit. Deswegen bekam die Fahrrinne auch ihren Namen „Kaiserfahrt“.
Vor Stettin bläst sich der Fluss zum Trichter auf. Sogar eine Wiedervereinigung findet etwas später statt: die von Ost- und West-Oder der in der Nähe des Dammschen Sees. Hier ziehen noch Seeadler ihre Kreise und führen vor, wie man im Flug Fische fängt.

Prominenter Liegeplatz in der Pommern-Residenz
Gegen den träge fließenden polnischen Oderstrom schiebt sich der JUNKER der alten Hansestadt Stettin entgegen, die 200 Jahre lang bis 1945 pommersche Hauptstadt war. Mit Kraftwerksschloten, Kränen, Werkshallen, Speichern, Schiffbaubetrieben, darunter die frühere Vulkan-Werft, und Plattenbauten kündigt sich die Halbmillionen-Metropole an. Viele ehemalige Stettiner an Bord sind gespannt auf „ihre“ Stadt.
Neben haushohen Überseefrachtern im Stettiner Hafen schrumpft der JUNKER auf Spielzeuggröße zusammen. Der Hafenkapitän weist ihm jedoch den attraktivsten Liegeplatz zu: direkt vor der berühmten Haken-Terrasse, wo auch größere Kreuzfahrtschiffe anlegen. Stettin spiegelt sich abendlich bunt schillernd im Flusswasser. Voraus haben Minensucher eines NATO-Verbandes festgemacht, darunter auch das deutsche Minenjagdboot WEILHEIM aus Kiel.
Am nächsten Tag locken die ansehnlich restaurierte mittelalterliche Altstadt, das Schloss der Pommernherzöge samt ihren Sarkophagen, der rostrote Backsteinbau des Altstädter Rathauses, die gotische Jakobi-Kathedrale, das Schloss der Herzöge von Pommern und last but not least das Seefahrtsmuseum alle unwiderstehlich für ein paar Schau-Stunden an Land. Wobei Reiseleiter Bogdan, das Original, allem die Show stiehlt: Sein Feuerwerk – übrigens in bestem Deutsch – aus Geschichte, Witzen und Anekdoten ist unübertroffen und hält seine Zuhörer ständig in Atem. „So macht Geschichte Spaß und man merkt sie sich“, meint jemand anerkennend.

Zwischen Usedom und Wollin
„Das mit dem Spaß gilt im Übrigen auch für die ganze Reise“, kommentiert das sein Relingsnachbar, während MS JUNKER JÖRG in der Oder dreht, um flussabwärts in vier Stunden durch die Kaiserfahrt übers Haff Swinemünde anzulaufen. Begleitet von himmlischen Trompetenklängen hunderter Kraniche. Die Gäste sind entzückt von dem Schauspiel über ihren Köpfen. Einige ornithologisch Interessierte haben die Reise auch deshalb gebucht. Sahnehäubchen sind dann für sie die See- und Fischadler, die über der Swine kurven. Bis die 40.000-Einwohner-Stadt in Sicht kommt. Sie ist natürlich geteilt, weil sie zur einen Hälfte auf der Insel Usedom, zur anderen auf der Nachbarinsel Wollin liegt. Zwischen beiden verläuft die Swine, ein Mündunmgsarm der Oder. Er wurde ab 1818 im Stadtgebiet als Hafen, heute viertgrößter Polens, ausgebaut. Heute ist sie darüber hinaus der wichtigste Fähranleger Polens mit Verbindungen nach Schweden und Bornholm.
Im 19. Jahrhundert war Swinemünde das bedeutendste und exklusivste Seebad an der Ostseeküste, wegen des ab 1824 einsetzenden Badebetriebes und der Entdeckung heilkräftiger Mineralquellen 1897 auch „Perle der Ostsee“ genannt.
Die Rolle als Marinestützpunkt, heute für die polnische graue Flotte, wurde der Stadt 1945 zum Verhängnis, als durch Bombenangriffe 23.000 Menschen ihr Leben verloren und Swinemünde dem Erdboden gleich gemacht wurde.
Nach dem Einlaufen ist Zeit, Swinemünde bis zum nächsten Mittag zu erkunden, geführt oder auf eigene Faust. Wobei der Polenmarkt, das Kurviertel mit seinen Bäderarchitektur-Relikten, die weite Strandpromenade, der weiße Windbaken-Leuchtturm auf der Mole oder der backsteinerne gegenüber auf Wolliner Seite, einst mit 68 Metern höchster an der Ostseeküste, und das Fort Gerhard auf dem Programm stehen sollten. Per Taxi – die Fahrer sprechen meistens gut Deutsch – lässt sich das in einer Vierergruppe relativ preiswert bewältigen. So haben es auch einige Gäste in Stettin gemacht.

Finale am Sund
Die Sonne wirft ihre herbstlichen Strahlen – nach einer Unterwegs-Übernachtung in Wolgast wieder auf die Hansestadt Stralsund, Endstation der einwöchigen Reise von Stralsund nach Stralsund. An der Ballastkiste hat sich neben der GORCH FOCK (I) eine stattliche Anzahl von Zuschauern versammelt, um das Festmachen mitzuerleben. „Die Landschaft ist unser Kapital“, meint der Hafenmeister, und er freut sich, „dass durch die JUNKER JÖRG der maritime Tourismus der Region einen weiteren Schub erhält.“ Am nächsten Vormittag meint der erfahrene Hoteldirektor und frühere Reiseleiter Christian Neichelt: „Ich habe schon viel gesehen, aber dieses Sund- und Bodden-Revier gehört für mich zu den schönsten, die ich kenne.“
Müde von so vielen Eindrücken am letzten Tag, wiegen einen die an der Bordwand leise glucksenden Sund-Wellen in den Schlaf. Mit Traumerlebnissen von einer Nach-Wende-Reise, wie sie davor niemals möglich gewesen wäre: zwischen Vor- und Hinterpommern.

Infos:

Schiffsdaten: MS JUNKER JÖRG; Baujahr: 1991; Bauwerft: De Biesbosch, Dordrecht, NL; Länge: 95 m; Breite: 11 m; Tiefgang: 0,95 m; Hauptmaschinen: 3 x 600 PS Deutz; Tonnage: 1400 t; Renovierung/Umbau: 2012; Passagiere (max.): 112; Crew: 26; Heimathafen: Berlin; Flagge: Deutschland; frühere Namen: THEODOR FONTANE, VIKING FONTANE;
Ausstattung: 56 11 qm-Kabinen (davon 8 große 15 qm-Suiten mit französischem Balkon), Rezeption, Restaurant (eine Tischzeit), kleiner Bordshop, Bibliothek, Sonnendeck, Panorama-Lounge mit Bar, kostenfreies WLAN, Flat-TV, Bewertung: 4 Sterne

Route der achttägigen Reise: Stralsund-Greifswald-Wieck-Lauterbach/Rügen-Peenemünde/Usedom-Wolgast- Stettin-Swinemünde-Stralsund.

Infos, Veranstalter: www.viva-cruises.com

Reisezeit: acht Fahrten zwischen Ende Juni und Anfang Oktober (geplant ist ein ganzjähriger Betrieb, um vom
Niedrigwasser auf der Elbe unabhängig zu sein).

Bewertung: einmalige Route (wird von keinem anderen Veranstalter angeboten); günstiges Preis-Leistungs- Verhältnis; All-inclusive bei (nicht allen) Getränken; sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen Fahrt- und Landgangsabschnitten (keine Nachtfahrten); viel Raum für individuelle Unternehmungen; geräumige Kabinen (ohne französische Balkone) und Bäder; Frühstückszeit für individuelle Landgänger und Längerschläfer über den Ausflugsbeginn hinaus; viel Platz auf dem Sonnendeck; abwechslungsreiche Küche (Menübestellungen werden vorab entgegen genommen); keine freie Tischwahl; viele Repeater; sehr gepflegtes älteres Schiff; schlichte, aber ansprechende und funktionale Einrichtung; keine Vibrationen oder zu laute Maschinengeräusche; sehr freundliches und bemühtes deutschsprachiges internationales Personal; hoher Zufriedenheitsgrad bei den Gästen.